Es gibt Kritiker, die sich rühmen, in zwanzig Jahren jede große Bühne Europas gesehen zu haben. Ich rühme mich, zwanzig Jahre lang keine einzige Vorstellung der Neurieder Pfarrbühne und der späteren Neurieder Theaterei verpasst zu haben – was, das will ich gern konstatieren, eine deutlich anspruchsvollere Leistung ist. Aber wer einmal dort saß, am Pressetisch mit dem Geruch von Speisen, Getränken und Bühnennebel in der Nase, der versteht: Hier wird nicht einfach Theater gespielt. Hier wird, Jahr für Jahr, an derselben Geschichte weitergeschrieben, ob man es dem Publikum sagt oder nicht. Eine Erkenntnis, die ich – zugegebenermaßen – erst im Laufe der Jahre gewann.

Alles begann, wie sich das für einen ordentlichen Skandal gehört, mit einer Flucht. 2006 rannte ein Pfarrer zwei Stunden über die Bühne, offiziell aus seelsorgerischer Not, inoffiziell – so mein damaliger, mittlerweile leicht peinlicher Verdacht – vor irgendetwas, das er gesehen hatte. Prompt schickte man ihm Verstärkung: 2007 stolperten die vierzehn Nothelfer auf die Bühne, kamen aber leider eine Idee zu spät. Was blieb, war genau das, was der Titel des folgenden Jahres versprach: Nichts als Kuddelmuddel (2008) – ich habe selten eine Kritik geschrieben, die so mühelos von der Ankündigung übernommen werden konnte.

Aus diesem Kuddelmuddel erwuchs 2009 die erste Leiche der Saison, garniert mit einer Prise Küchenhumor, denn: Mörder mögens messerscharf. Um den entstandenen Papierkram zu ordnen, stellte man flugs einen Trauschein aus (2010) – wer da genau wen heiratete, konnte mir bis heute niemand erklären, aber ein Dokument mit Stempel beruhigt in Neuried erfahrungsgemäß jedes Gemüt. Kaum war das erledigt, betraten 2011 die Global Player die Szene: Damen und Herren mit Aktenkoffern und Businessdress, die sichtlich nicht ihre eigenen waren – Investoren, wie es hieß, obwohl ich bis heute nicht sagen könnte, worin. Ging ja auch schief!

Es folgte 2012 mit Zum Henker mit den Henks eine jener Erbschaftsgeschichten, wie sie diese Bühne so gerne erzählt: eine Familie mit zweifelhaftem Leumund, ein Anwalt mit noch zweifelhafteren Absichten, und am Ende mehr Verdächtige als Publikum. Ich gebe offen zu, den Faden verloren zu haben, wer hier eigentlich wen betrog und beseitigte – das Publikum offenbar nicht ganz, denn es applaudierte frenetisch, was ich seither als das eigentliche Markenzeichen dieser Truppe verstehe: Es muss nicht alles sofort aufgehen, es muss nur zu Ende gebracht werden – egal wieviel Umwege erforderlich sind. Man brauchte also viel Platz für die wachsende Zahl an Ungereimtheiten, und so wurde 2013 kurzerhand die Wiese gemäht – A gmahde Wiesn, offiziell zur Brauchtumspflege, inoffiziell, wie ich mutmaße, aus praktischeren Gründen.

Die Jahre danach liefen wie eine gut geölte Verschleierungsmaschine. 2014 kam ein Meisterboxer, der nie boxte, sondern nur redete – ich nannte das damals „konsequent“, meinte aber „kampfunwillig“. 2015 fragte man unvermittelt und mit hörbarem Unterton: Sie können kochen? – eine Frage, die in diesem Haus, nach den Ereignissen von 2009, nie ganz unschuldig klingen konnte. 2016 wusste man endgültig nicht, wer was erbt, und 2017 beteuerte man trotzig, dies alles geschehe in alter Frische – ein Satz, den ich in meiner Kritik mit den Worten kommentierte: „Frisch ist relativ.“ Das Ensemble hat mir das bis heute nicht wirklich verziehen.

Dann, 2018, ausgerechnet im November, brach die Sache auseinander, so wie es zwölf Jahre lang angelegt gewesen war. Ich erinnere mich an drei Wochen Schreibblockade, weil ich fürchtete, tatsächlich Stellung beziehen zu müssen – am Ende schrieb ich, wie Kritiker das tun, wenn sie überfordert sind, ausführlich über die Beleuchtung und den Ton. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: 2019 stand halb Neuried im übertragenen wie wörtlichen Sinne im Wasser und fragte bang: Geht Neuried baden? Die Antwort, so viel darf ich verraten, war: Jein!. Und dann, 2020 und 2021, Stille. Keine Vorstellungen. Zwei Jahre, in denen ich zur gewohnten Uhrzeit zu Hause saß und Kritiken über nichts schrieb – meine Frau nennt das bis heute den Tiefpunkt meiner Laufbahn, ich nenne es konsequente Werktreue gegenüber einer Geschichte, die auch mal pausieren durfte, ohne dass jemand sie vergaß.

2022 kehrte man gleich doppelt zurück: Zuerst, selbstironisch genug, mit dem Film Jedes Jahr dasselbe Drama – ein Titel, den ich als persönlichen Angriff auf meine Arbeitsweise verstand –, dann mit einer Eigenproduktion, in der Cäsar, Tante Käthe und überhaupt … auftraten, offenbar in dem Versuch, der ganzen Angelegenheit nachträglich einen unverfänglichen, halbklassischen Anstrich zu verpassen. Es half wenig: Schon 2023 brach mit dem Oslo-Syndrom die nächste Volte auf, bei der sich – man höre und staune – Täter und Opfer plötzlich blendend verstanden. 2024 dann die bittere Fluchtbilanz: Es fährt kein Zug nach Irgendwo: Wer aus dieser Geschichte raus wollte, kam nirgends an. Und so schließt sich, 2025, an einem Samstag, dem 13., der Kreis: zwanzig Jahre nach der Flucht des Pfarrers, exakt dort, wo alles begann.

Man könnte, mit dem gebotenen professionellen Abstand, all dies als zwanzig unabhängige Amateurtheaterabende abtun. Ich, nach zwanzig Jahren am Pressetisch, sehe das anders: Hier hat sich, unbemerkt vom Feuilleton der großen Häuser, die vermutlich konsequenteste Langzeit-Erzählung des deutschen Sprechtheaters entwickelt – nur eben mit wechselnder Besetzung, wechselnden Autoren und der bemerkenswerten Eigenschaft, dass niemand der Beteiligten sie als solche erkannt haben will.

Und jetzt, in diesem November, soll unter einem Rosenbeet nachgeschaut werden. Man hat mir ausdrücklich geraten, das nicht zu tun. Ich werde selbstverständlich als Erster dort stehen, Notizblock in der Hand. Manche Geschichten, das habe ich in den vergangenen zwanzig Jahren gelernt, sind eben einfach noch nicht zu Ende erzählt.

Wer mehr zu den einzelnen Stücken wissen möchte, dem empfehle ich, hier vorbeizuschauen!

Dr. Constantin Ehrenfried, Chefkritiker Feuilleton der Deutschen Bühnenpost — Überregionale Stimme für Theater, Kultur und Zivilisation in Neuried, im Juli 2026

Name, Zeitung und Zitate sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen oder Publikationen wäre daher rein zufällig.