„Ich schaue eigentlich immer mal kurz vorbei“

Der Chefkritiker Feuilleton der Deutschen Bühnenpost, Dr. Constantin Ehrenfried, im Kamingespräch mit Irmtrud Patzer, der Grand Dame des Bühnen-Livespektakels

Ehrenfried: Im Theaterbetrieb gibt es Ehrengäste, die muss man nicht formal einladen. Sie kommen einfach. Manche nur einmal in einer Spielzeit, andere regelmäßig, einige bevorzugen Premieren, andere Dernièren. Ganz besonders gern besuchen sie Proben. Zu ihnen gehört Irmtrud Patzer. Seit es Theater gibt, kennt man sie. Nicht persönlich vielleicht – aber diesen einen Augenblick, in dem eine Schauspielerin oder ein Schauspieler auf der Bühne plötzlich innehält und mit bemerkenswerter Intensität darüber nachdenkt, was eigentlich als Nächstes gesagt werden sollte, ist sie zur Stelle. Guten Abend, Frau Patzer

Patzer: Guten Abend, Herr Dr. Ehrenfried.

Ehrenfried: Frau Patzer, wir freuen uns sehr, dass Sie Zeit für uns gefunden haben. Schließlich sind Sie ja viel beschäftigt.

Patzer: Das stimmt. Ich bin sozusagen bei jeder Aufführung präsent. Mal als Ehrengast sehr prominent, mal halte ich mich dezent im Hintergrund. Und manchmal sage ich kurz „Hallo“ und verschwinde sofort wieder. Das soll vorkommen.

Ehrenfried: Umso mehr freuen wir uns natürlich, Sie endlich persönlich kennenzulernen. Sie gelten als ausgesprochene Theaterfreundin.

Patzer: Unbedingt. Ich liebe Theater. Besonders Proben. Da kann ich mich völlig ungezwungen bewegen. „Wie war noch mal der Satz?“ – und schon bin ich mitten in einem netten Smalltalk.

Ehrenfried: Bei Aufführungen sind Sie zurückhaltender?

Patzer: Meistens. Ich schaue kurz vorbei, die Schauspielerinnen und Schauspieler begrüßen mich mit diesem ganz besonderen Blick, und dann gehe ich wieder. Es gibt aber Abende, da entwickelt sich so eine ganz besondere Nähe. Dann bleibe ich auch mal etwas länger.

Ehrenfried: Man hört, dass Sie gelegentlich sogar unfreiwillig zum Star des Abends werden.

Patzer: Das wird übertrieben. Ich stehe ja nie im Programmheft. Aber natürlich gibt es diese Momente: Ein Schauspieler oder eine Schauspielerin verstummt und wird von allen Seiten erwartungsvoll angeschaut. Selbst das Publikum wird ganz still – und plötzlich stehe ich unfreiwillig im Rampenlicht. Das ist mir fast schon ein bisschen unangenehm.

Ehrenfried: Und dann müssen Sie sich mit der Souffleuse arrrangieren?

Patzer: Manchmal. Wir kennen uns natürlich seit Jahren. Gelegentlich übernimmt sie, gelegentlich schaffen es die Schauspieler allein. Besonders reizvoll finde ich es, wenn die Souffleuse hilft und die Schauspieler anschließend sehr überzeugend einen vollkommen anderen Satz sagen. Theater ist schließlich eine lebendige Kunstform, Herr Dr. Ehrenfried!

Ehrenfried: Ich verstehe, dass Ihre Königsdisziplin natürlich der vollkommene Blackout ist. Aber Sie beschränken sich nicht nur darauf!

Patzer: Um Himmels willen, nein. Auch kleine Hilfestellung sind faszinierend. Ein vertauschtes Wort hier, eine falsche Endung dort, ein Satz, der vorne richtig anfängt und hinten überraschend woanders ankommt. Man muss nicht immer gleich das große Engagement sehen.

Ehrenfried: Und wie reagieren erfahrene Schauspielerinnen und Schauspieler auf Sie?

Patzer: Erstaunlich gelassen. Die kennen mich ja. Die denken kurz: „Ach, Frau Patzer ist im Publikum.“ Dann reden sie einfach weiter. Manchmal entsteht dabei sogar ein besserer Satz als der, der im Textbuch steht. Aber das sage ich dem Autor natürlich nicht.

Ehrenfried: Haben Sie eigentlich bevorzugte Auftritte? Premiere, zweite Vorstellung, Dernière?

Patzer: Nein. Ich bin da völlig unberechenbar. Manchmal besuche ich nur die Premiere, manchmal jede Aufführung. Und manchmal bin ich wochenlang Stammgast bei den Proben und denke mir bei der Premiere: Heute lasse ich die Leute mal allein.

Ehrenfried: Sie kennen die Theaterei Neuried?

Patzer: Selbstverständlich. Zwanzig Jahre Theater – glauben Sie wirklich, wir wären uns da nie begegnet?

Ehrenfried: Haben Sie vor, die November-Aufführungen der Theaterei zu besuchen?

Patzer: Nein. Zumindest nicht offiziell. Ich werde aber sicher kurz vorbeischauen. Vielleicht gibt es irgendwo am Pressetisch noch ein Eckchen. Wir kennen uns ja inzwischen seit zwanzig Jahren. Manchmal sehen wir uns bei den Aufführungen – viel spannender sind aber die Proben.

Ehrenfried: Frau Patzer, ich bedanke mich für dieses Gespräch. Und vielleicht können Sie der Theaterei im November ja ein paar ruhige Abende gönnen.

Patzer: Selbstverständlich, Herr Dr. Ehrenfried. Ich bin schließlich nur Gast und will mich bei dem Stück von Norman Robbins amüsieren.

Ehrenfried: Schau nicht unters Rosenbeet …

Patzer: Genau. … Aber versprechen kann ich nichts.

Das Interview führte Dr. Constantin Ehrenfried, Chefkritiker Feuilleton der Deutschen Bühnenpost — Überregionale Stimme für Theater, Kultur und Zivilisation in Neuried

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