Das Telefon, der heimliche Star
Eine Hommage von Dr. Constantin Ehrenfried, Chefkritiker der Deutschen Bühnenpost

Zwanzig Jahre Theaterei Neuried. Das sind zwanzig Jahre Fluchten, Morde, Erbschaften, Intrigen, Hochzeiten, Investoren, Familiengeheimnisse und Menschen, die zur denkbar ungünstigsten Zeit irgendwo auftauchen.
Und ich muss an dieser Stelle ein Geständnis machen: Ich habe zwanzig Jahre lang den wichtigsten Darsteller übersehen:
Nein, es ist nicht der Pfarrer.
Nein, es sind nicht die Nothelfer.
Nein, es sind nicht die Global Player.
Es sind auch nicht die Verdächtigen.
Es sind nicht einmal die Leichen.
Nein! Es ist das Telefon!
Es war immer da. Mal als antikes Telefon mit Wählscheibe, mal als moderner Apparat, später als Smartphone. Mal stand es auf dem Tisch, mal lag es irgendwo herum, mal steckte es in einer Tasche. Aber seine dramaturgische Funktion war über all die Jahre erstaunlich konstant:
Es klingelt – und nichts ist mehr wie vorher.
Denn mit einem Telefonat kann eine Hochzeit platzen, ein Mord aufgeklärt, eine Erbschaft verändert oder eine Katastrophe ausgelöst werden. Manchmal reicht sogar ein einziges „Hallo?“, um einen kompletten Handlungsstrang in Gang zu setzen. Aber Applaus hat das Telefon nie bekommen.
Deshalb möchte ich zum 20-jährigen Jubiläum ausnahmsweise nicht den Schauspielerinnen und Schauspielern gratulieren. Auch nicht den Regisseurinnen und Regisseuren. Auch nicht den Autorinnen und Autoren. Nicht einmal dem Publikum, das all diese Jahre tapfer mitgemacht hat.
Sondern dem einzigen Ensemblemitglied, das fast alle Produktionen erlebt hat, nie einen Text vergessen hat, nie krank war und seit 2006 zuverlässig seinen Einsatz kennt – und das alles ohne Souffleuse.
Danke, liebes Telefon.
Dr. Constantin Ehrenfried, Chefkritiker Feuilleton der Deutschen Bühnenpost — Überregionale Stimme für Theater, Kultur und Zivilisation in Neuried, im September 2026
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